Ist Jesus Christus der Schöpfer, der diese Welt gemacht hat? ja oder nein?
Kurz gesagt
Ja, Jesus Christus ist DER,der diese Welt gemacht hat!
Ist Jesus Christus der Schöpfer dieser Welt?
1. Kurzantwort
Ja – Jesus Christus ist der Schöpfer dieser Welt. Das Neue Testament macht das unmissverständlich deutlich, besonders in Johannes 1. Der Grund, warum im Alten Testament von „Gott" und im Neuen Testament von „Jesus Christus" gesprochen wird, ist kein Widerspruch: Es ist derselbe Gott – nur jetzt vollständig offenbart. Der eine Gott existiert als Vater, Sohn und Heiliger Geist, und der Sohn – Jesus Christus – war von Anfang an der Schöpfungsmittler (derjenige, durch den Gott die Welt geschaffen hat).
2. Was die Bibel dazu sagt
Der Schlüsseltext ist Johannes 1,1–3:
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden, und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, das entstanden ist." (Johannes 1,1–3 – Schlachter 2000)
Das „Wort" – griechisch λόγος (logos) – ist Jesus Christus selbst, wie Vers 14 bestätigt: „Und das Wort wurde Fleisch." Der Evangelist Johannes sagt damit klar: Bevor Jesus als Mensch geboren wurde, war er schon da – als Gott, als Schöpfer. Und alles ist durch ihn entstanden, ohne Ausnahme.
Paulus bestätigt dasselbe:
„…durch ihn ist alles geschaffen worden, was in den Himmeln und auf der Erde ist… alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen." (Kolosser 1,16 – Schlachter 2000)
Der Hebräerbrief ergänzt:
„…durch den er auch die Welten gemacht hat." (Hebräer 1,2 – Schlachter 2000)
Das Alte Testament spricht von „Gott" als Schöpfer – und genau das ist Jesus Christus auch. Er ist nicht ein anderer Gott, sondern der eine Gott in seiner zweiten Person.
3. Historisch-kultureller Hintergrund
Johannes schrieb sein Evangelium in einer Zeit, in der griechisches Denken und jüdisches Denken aufeinandertrafen. Der Begriff λόγος (logos) war in der griechischen Philosophie bekannt als das „vernünftige Prinzip", das die Welt ordnet und zusammenhält. Philo von Alexandria, ein jüdischer Denker zur Zeit Jesu, hatte diesen Begriff bereits verwendet, um Gottes schöpferisches Wirken zu beschreiben. Johannes greift diesen Begriff bewusst auf – aber füllt ihn mit einer völlig neuen Wahrheit: Der logos ist keine abstrakte Kraft, sondern eine Person. Er ist Gott selbst, und er ist Mensch geworden.
Für jüdische Leser war dies eine gewaltige Aussage, denn das Schma – das tägliche Glaubensbekenntnis Israels aus 5. Mose 6,4 – lautete: „Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist einer." Johannes widerspricht dem nicht. Er entfaltet es: Dieser eine Gott ist reicher, als Israel bisher erkannt hatte.
4. Hermeneutischer Zugang
Textgattung: Johannes 1,1–14 ist theologische Lehrpoesie (auch „Prolog" genannt – ein feierlicher Eröffnungstext, der die zentralen Themen eines Werkes in verdichteter, fast gesanglicher Sprache voranstellt). Das bedeutet: Jedes Wort ist mit äußerster Sorgfalt gewählt, jede Formulierung trägt Gewicht. Man liest diesen Abschnitt nicht wie einen Reisebericht, sondern wie eine theologische Ouvertüre – sie entfaltet in wenigen Versen die ganze Tiefe dessen, was das ganze Evangelium zeigen wird.
Sprachlicher Schlüssel: In Johannes 1,1 steht dreimal „war" – griechisch ἦν (ēn), Imperfekt. Das Imperfekt im Griechischen drückt ein dauerhaftes Sein in der Vergangenheit aus: Das Wort war schon immer da, ohne Anfang. Im Gegensatz dazu steht in Vers 14 „wurde" – ἐγένετο (egeneto), Aorist: ein einmaliges, konkretes Ereignis in der Zeit. Der Kontrast ist theologisch präzise gesetzt: Das ewige Wort wurde Fleisch – es trat in die Zeit ein, ohne aufzuhören, ewig zu sein.
5. Was sagten Ausleger und Theologen dazu?
Irenäus von Lyon wehrte sich in seinem Werk Adversus Haereses (dt. „Gegen die Häresien") gegen die Idee, Schöpfung und Erlösung seien Werk verschiedener Götter. Für ihn war es gerade der Kern des christlichen Glaubens: Der Schöpfer und der Erlöser sind ein und derselbe – Jesus Christus, der Sohn des Vaters.
Johannes Calvin betont in seinen Kommentaren zu Johannes 1, dass der Evangelist den Begriff logos nicht zufällig wählt. Das Wort Gottes ist nicht bloß ein Sprechmittel, sondern die lebendige, schöpferische Kraft Gottes selbst – und diese Kraft hat einen Namen: Jesus Christus.
Roger Liebi hat sinngemäß festgestellt, dass der Prolog des Johannesevangeliums eine der dichtesten trinitarischen (die Dreieinigkeit betreffenden) Aussagen der gesamten Bibel ist – in wenigen Versen wird gezeigt, dass Christus zugleich bei Gott (von ihm unterschieden) und Gott (ihm wesensgleich) ist.
6. Theologische Tiefe
Hier liegt der Kern des Verständnisses: Die Bibel lehrt einen Gott in drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das nennt man die Trinität (Dreieinigkeit). Im Alten Testament wirkt dieser eine Gott, und wenn Genesis 1,1 sagt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", dann schließt das den Sohn mit ein – denn Johannes 1,3 sagt ausdrücklich, dass alles durch das Wort entstanden ist.
Ein Vergleich kann helfen: Wenn ein Architekt ein Haus baut und dabei seinen Sohn als Bauleiter einsetzt – dann sagt man sowohl „der Vater hat das Haus gebaut" als auch „der Sohn hat das Haus gebaut". Beides ist wahr, weil beide gemeinsam handeln. So ist es mit Gott und Christus: Der Vater schafft durch den Sohn. Deshalb kann das Alte Testament von „Gott" sprechen und das Neue Testament von „Christus" – und beide meinen dasselbe schöpferische Handeln.
Eine falsche Interpretation wäre zu denken, Jesus sei erst bei seiner Geburt in Betlehem entstanden. Johannes 1,1 widerlegt das ausdrücklich: „Im Anfang war das Wort." Vor aller Schöpfung existierte Christus bereits – nicht als Geschöpf, sondern als Gott.
7. Bedeutung für heute
Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Schöpfer dieser Welt. Das gibt dem Glauben ein unerschütterliches Fundament: Jesus ist keine religiöse Figur unter anderen – er ist derjenige, durch den alles entstanden ist und durch den alles seinen Bestand hat. Wenn er sagt „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Johannes 14,6), dann spricht nicht ein Weiser unter Weisen – sondern der Schöpfer zu seinem Geschöpf.
Das bedeutet auch: Das Alte und das Neue Testament erzählen keine zwei verschiedenen Geschichten von zwei verschiedenen Göttern. Sie erzählen eine Geschichte – von dem einen Gott, der sich schrittweise offenbart hat, bis er schließlich selbst in die Welt getreten ist, die er gemacht hatte.
André Borchert
Betreiber von Frage die Bibel. Die Beiträge entstehen aus Fragen, die mir selbst gestellt wurden – ausgewählt, geprüft und ausführlich ausgearbeitet.
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